Färöer Inseln: Einheimische haben das Wort

Hunted pilot whales. Photo was taken on June 5, 2012 in the Bay of Sandur. Photo: Leah Lemieux

Kooperation statt Konfrontation. So lässt sich der Ansatz formulieren, wodurch Walschützer und Färinger vielleicht gemeinsam zu einem beschleunigten Ende der Grindwal-Treibjagd beitragen können. Einheimische haben das Wort.

Hunted pilot whales. Photo was taken on June 5, 2012 in the Bay of Sandur. Photo: Leah Lemieux

Grindwaljagd im Juni 2012 in Sandur auf der Insel Sandoy. Foto: Leah Lemieux

(Teil 2 einer 3-teiligen Reihe)

«Ein Tsunami sollte über die Inseln fegen»; «Hoffentlich sterben alle Färinger durch vergiftetes Walfleisch»; «Diese Schweine gehören ausgebombt». Jákup ist immer wieder von neuem schockiert, wenn er solche Kommentare auf sozialen Medien wie Facebook oder YouTube liest.

Jákup*, 34, ist Färinger; die Kommentare betreffen sein Volk – ihn. Geschrieben von Walschützern, die sich in ihrer Empörung komplett im Ton vergreifen. Menschen, die sich ereifern und in ihrem Schwarzweiss-Denken jeglichen Anstand, jede Vernunft verlieren.

So funktioniert Kriegspropaganda, wie sich unschwer in Konflikten wie in der Ukraine, in Syrien, im Irak oder Israel gegen Gaza beobachten lässt. Man verschanzt sich hinter Feindbildern, die zwar das Denken vereinfachen, aber umso mehr die Annäherung an die Wahrheit und damit Lösungen erschweren.

Dieser Wahrheit kommt man nur näher, wenn man sich – hier betreffend der Grindwaljagd – dem färöischen Volk annähert: freundlichen, offenen und diskussionsbereiten Menschen einer winzigen Inselnation mitten im rauen Nordatlantik. So einfach und schön kann das sein.

Impression of the stunning Faroe Islands taken from a helicopter, August 2014. Photo: Ingi Sørensen

Impression von der atemberaubenden Nordküste der Färöer-Inseln. Foto: Ingi Sørensen

Kontraproduktiv

Wer will, dass sich die Jäger mit den Walen und Delfinen anfreunden, muss sich zunächst mit den Jägern anfreunden.

So drückt es die kanadische Wal- und Delfinschützerin Leah Lemieux aus. Das passt.

Und so treffe ich Jákup – und höre ihm zu. Früher nahm er sehr aktiv teil am «Grindadráp», der traditionellen färöischen Grind­wal-Treibjagd; tötete die bis zu sechs Meter langen Meeressäuger eigenhändig.

Vor fünf Jahren aber hat er aufgehört: «Ich hörte auf die Warnungen unseres bekannten Arztes Pál Weihe und verzehre heute kein Grindwalfleisch mehr. Es ist offensichtlich stark belastet mit Schwermetallen und anderen toxischen Substanzen.»

Doch wenn er diffamierende, erniedrigende, verletzende und irreführende Kommen­tare liest, so möchte er sich manchmal am liebsten mit den Walfängern solidarisieren und wieder zur Treibjagd.

«Gewissen Aktivisten ist offensichtlich nicht bewusst, wie kontraproduktiv eine fehlgeleitete Kampagne sein kann.» Schliesslich habe alles Fleisch mal gelebt.

Keiner soll mit dem Finger auf den Walfang zeigen und sich dann einen Hamburger ins Gesicht stopfen. Wenn du hingegen vegan bist, dann sieht‘s schon anders aus.

Grossaufgebot

Beschimpfungen und Hass hätten noch keinem Wal das Leben gerettet, fährt Jákup fort. «Das ist hier schon seit den 80er Jahren gelaufen – ohne den geringsten Erfolg. Also: Taktik ändern.»

Die Färöern haben die tiefsten Kriminalitätsrate der Welt.

Wie viele Länder können dies von sich behaupten? Wir sind keine Barbaren und unsere Kinder werden auch nicht zu Psycho-Killern. Hört auf, uns als Feinde abzustempeln, wenn ihr wollt, dass wir keine Wale mehr töten.

Photo was taken on June 17, 2014 in Tórshavn. Photo: Abdolmajid

Foto: Sasha Abdolmajid

Jákup spricht damit auch die massive Präsenz von Sea Shepherd während dieser Sommersaison auf den Färöern an. An die 500 Leute hat die Walschutz-Orga­nisation über die ganze Saison verteilt auf den Inseln stationiert; zu jeder Zeit einige Dutzend.

Eine gut geölte Maschinerie, mit zwei Schiffen, vier Alu-Schnellbooten auf Anhängern, sowie mehreren Fahrzeugen. Professionelle Medienkampagnen nach amerikanischem Muster, verbunden mit der beliebten TV-Serie «Whale Wars», haben der Organisation von Paul Watson in den letzten Jahren viel Geld in die Kassen gespült.

Die Symbiose funktioniert: Medien erhalten Spektakel und Einschaltquoten, Sea Shepherd dafür neue Anhänger, Sponsoren und Mitglieder. Freiwillige Mitglieder sind es denn auch, die auf eigene Kosten auf die Färöer gekommen sind, meist mit ebenso viel Idealismus wie Unerfahrenheit und vorgefassten Meinungen.

Gewöhnungseffekt?

Trotzdem: Diese Saison sind bisher auf den Färöern noch keine 20 Delfine (Grindwale gehören zu den Delfinen) getötet worden, während es letztes Jahr um die gleiche Zeit bereits über 1100 waren.

Sea Shepherd schreibt dies natürlich der eigenen Präsenz zu und sicher ist auch etwas dran. Das Polizeiaufgebot ist massiv; die Behörden wollen gefährliche Zusammenstöße unbedingt vermeiden.

Mindestens eine Grindwaljagd wurde deswegen auch abgesagt, obschon Tiere in jagdbare Nähe kamen. Doch die Ursachen sind vielschichtiger und diesen Sommer sind auch noch nicht besonders viele Grindwale in Küstennähe gesichtet worden.

Der Erfolg, den sich die Aktivisten auf die Fahne schreiben, ist zugleich auch das Problem: es läuft nichts. Für die Medien ist dies natürlich reichlich unattraktiv.

Kein Spektakel bedeutet keine Show und damit keine Sendungen – und damit keine große Aufmerksamkeit für die Kampagne und keine neuen Spendengelder. Was soll also nächste Saison geschehen? Zurück zur «Normalität» und damit zu zahlreichen Treibjagden? Es bleibt abzuwarten.

Mittlerweile stellt sich bei einem Teil der Einheimischen auch ein gewisser Gewöhnungseffekt an die Aktivisten von Sea Shepherd ein. Diese verhalten sich etwas diskreter als noch vor drei Jahren – und bringen als Reisende auch Geld auf die Vikinger-Inseln. Das Leben geht weiter…

Andere Färinger hingegen gewöhnen sich offenbar nie an die Präsenz der Aktivisten. «Sie polarisieren die Färinger», sagt Jóhan, ein Einheimischer.

Die Waljagd-Befürworter sind nun entschlossener denn je, zu beweisen, dass kein Fremder ihnen aufzwingen kann, wie sie leben und was sie essen sollen.

In ähnlichem Trotz soll Heðin Mortensen, Bürgermeister der Hauptstadt Tórshavn, in einem Radio-Interview betont haben, auch künftig würden Grindwale zur Tötung in die Bucht von Tórshavn getrieben, falls man sie in geeigneter Position sichte. Zudem soll gemäß Paul Watson ein Sea Shepherd-Aktivist von Einheimischen verprügelt worden sein.

Ureinwohner

Jákup ist wie fast alle Färinger mit dem Grindadráp aufgewachsen. Für ihn ist es normal, gehört zur «Kultur». Seine Meinung ist stellvertretend für viele Färinger, die historisch gesehen über Jahrhunderte immer wieder von fremden Mächten unterjocht waren und unter härtesten äußeren Bedingungen ums Überleben kämpfen mussten:

Hört auf, mit dem Finger auf uns zu zeigen. Kehrt zuerst vor der eigenen Tür.

Der Einheimische spricht etwa auf die kanadisch-US-amerikanische Schauspielerin und Ex-Baywatch-Star Pamela Anderson an, die im Juli für Sea Shepherd die Färöer besuchte.

August 2014 - Clyde River, Nunavut (Canada) celebrates the harvest of a bowhead whale. The pregnant whale took almost two painful hours to die. Photo: Niore Iqalukjuak / Screenshot - http://bit.ly/1vhZApZ

Erlegter Grönlandwal in Nunavut, Kanada. Im Jahr 1931 wurde der Grönlandwal als weltweit erste Wildtierart überhaupt vom Völkerbund unter Schutz gestellt. Dennoch ist es einigen Inuit-Stämmen erlauben, Walen zu jagen, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Foto: Niore Iqalukjuak / Bildschirmschnappschuss: http://bit.ly/1vhZApZ

Warum kämpft sie nicht zuerst in ihrem eigenen Land gegen den Walfang? In den USA und Kanada werden mehr Wale getötet als auf den Färöern; hochbedrohte Arten wie der Grönlandwal noch dazu – und auch Belugas und Narwale, welche die Inuit jagen, sind weitaus gefährdeter als die Grindwale. Darüber hinaus werden sie weitaus brutaler getötet, als wir dies mit den Grindwalen tun.

Argumente, denen man sich schwerlich verschließen kann. «Die Inuit gelten als Urbevölkerung», fährt Jákup fort: «Deshalb werden andere Maßstäbe angelegt. Aber auch wir Färinger sind die Einzigen, die seit über einem Jahrtausend auf unseren Inseln hier gelebt haben. Macht uns dies nicht zu Ureinwohnern? Sind unsere Haut und unsere Augen dafür zu hell?»

Grindwalschützerin

Jákup hat vor einigen Jahren aufgehört, am Grindadráp teilzunehmen, wie viele andere Färinger auch. Und er weiß: «Es gibt gute einheimische Leute, die gegen die Grindwaljagd kämpfen; Färinger. Lernt sie kennen», fordert er. «Lernt von ihnen, erfahrt die echten Fakten und unterstützt sie. Hört zu und lernt verstehen, womit ihr es zu tun habt, bevor ihr aktiv werdet.»

Eine Färöerin, die sich gegen das Grindadráp engagiert, ist Marna Olsen. Sie hat vor kurzem eine Webseite online geschaltet: GRINDABOÐ.FO. Zu verstehen ist sie für uns nicht, denn die Seite ist eben auf Färöisch, von Färingern für Färinger. Eine englische Übersetzung sollte allerdings bald folgen.

To give the pilot whales an identity and a voice: This is the aim of the Faroese website: GRINDABOÐ.FO

Den Grindwalen eine Stimme geben: dies ist das Ziel der färöischen Webseite GRINDABOÐ.FO. Foto: Rory Moore

Marna Olsen will mit ihrer Webseite «primär den Grindwalen ein Gesicht und eine Stimme geben und mehr Fakten über sie ver­mitteln», wie sie selber sagt. «So etwas gibt es auf den Färöern bislang nicht; dabei ist der Grindwal so etwas wie ein Nationaltier, dem die Menschen in vergangenen Jahrhunderten bisweilen ihr Überleben verdankten.»

Die Webseite, die durchaus klar gegen die Grindwaljagd und den Verzehr des schadstoffbelasteten Grindfleisches Stellung bezieht, ist aber nicht konfrontativ ausgelegt. Dennoch hat sie auf den Inseln für erhebliche Aufmerksamkeit gesorgt.

Lernpotenzial

Sie habe viele positive Reaktionen auf ihre Webseite erhalten, «vor allem von jenen, die mich kennen. Sie wissen, dass mir das Wohl aller Tiere wichtig ist, nicht nur das der Grindwale», sagt die 30-jährige Vegetarierin.

«Wir sollten gemeinhin mit der Erde so behut­sam als möglich umgehen.» Obschon Olsen auf den Inseln noch viel Unter­stützung für die Grindwaljagd wahrnimmt, so erfahre sie in persönlichen Begegnun­gen mit Einheimischen doch ein wachsendes Bewusstsein für das unnötige Tierleid, das die Treibjagden verursachen.

Mehr und mehr Färinger sind der Ansicht, die Jagd solle aufhören. Sie sei nicht mehr nötig. Der Aspekt mit der Schadstoff­belastung spielt dabei eine ausschlaggebende Rolle.

In der Auseinandersetzung um die Präsenz von Sea Shepherd und anderen Aktivisten gehe der Grindwal bisweilen fast vergessen, meint die Treibjagd-Gegnerin:

Wenn die Färinger die Debatte um Sea Shepherd mal beiseitelassen: was denken sie dann wirklich über das Grindadráp? Wie denken sie darüber, dass bei jeder Treibjagd eine ganze Walschule ausgelöscht wird, inklusive trächtigen Müttern und Babys? Was denken sie über den Umstand, dass die Wale enorm viel Stress und Angst erleiden, wenn sie in eine Bucht gejagt werden, bis sie stranden und dann miterleben müssen, wie ein um das andere Familienmitglied getötet wird, bis sie dran sind? Wir alle haben uns an die Bilder der Grindwaljagd gewöhnt. Was aber ist mit den Walen?

Sie habe viel über den Grindwal gelernt, während sie die Webseite grindabod.fo geschaffen habe, sagt Marna Olsen. «Und es gibt noch weit mehr zu lernen.»

 

*Name geändert

Teil I: Wann wird die Grindwaljagd auf den Färöer-Inseln enden?

Teil III: Färöer: Der Anti-Walschützer-Reflex

1 Kommentar

  1. karin grusdat sagt:

    ich freue mich schon auf den teil drei – hier, wie auch der bericht über die delphine bringt nicht nur für „anfänger-aktivisten“ eine gute überschaubare einführung und altkämpfer können nur bejahend mit dem kopf nicken. danke