Färöer: Das rote Meer

Blood stained sea after a pilot whale hunt (Grindadráp) on May 22, 2018 in the Bay of Gøtuvík. 145 whales were slaughtered. Image: Norðlýsið (https://bit.ly/2KE64cZ)

Färöer-Inseln – Es ist ein blutiges Spektakel: Einheimische treiben auf den Färöern Wale an Land, um sie dort dann abzuschlachten.

Vergossenes Grindwal-Blut nach einer Treibjagd (Grindadráp) am Strand von Syðrugøta auf den Färöer-Inseln. 145 Wale wurden geschlachtet. Bild: Norðlýsið (https://bit.ly/2KE64cZ)

Von Andrea Jeska

Es ist zehn Uhr morgens an einem hellen Maitag, und Agnes Mols Mortensen schneidet in der Bucht von Tjørnuvík Seegras, das aussieht wie grüne Spaghetti, als sie einen Anruf erhält. Im Fjord von Gotha, ungefähr eine Stunde Autofahrt entfernt, seien Grindwale gesichtet worden, die die Fischer nun an Land trieben. Mortensen hat zu dem Zeitpunkt drei Kisten mit dem nudeligen Gras gefüllt, am Himmel über der Bucht steht die Sonne warm und freundlich. Ich bin auf die Färöer-Inseln gekommen, um über Mortensen zu schreiben. Die 41-Jährige ist Biologin und spezialisiert auf Meeresalgen. Sie arbeitet als Wissenschaftlerin an einem meeresbiologischen Institut, während sie den Rest ihrer Zeit dem eigenen Unternehmen widmet, in welchem sie Algenprodukte herstellt. Vor allem essbare wie jene grünen “Algenspaghetti“.

Es ist 10.30 Uhr, als die Nachricht kommt, die Fischer hätten die Wale verloren. Ich empfinde das als gute Nachricht; in meiner Vorstellung sehe ich eine kleine Walfamilie, die munter, ohne bedroht zu sein, im weiten Meer schwimmt. Mortensen erklärt gerade, wie Algen dazu beitragen können, die künftige Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung zu sichern, als ihr Telefon erneut klingelt: Die Fischer hätten die Wale wiedergefunden und seien erneut dabei, sie an Land zu treiben.

Ich wusste, bevor ich auf die Färöer flog, dass man hier Wale tötet und dieses Töten nicht illegal ist. Wovon ich bis dahin nichts ahnte – das war das Ausmaß dieses Tötens. Und auch jetzt, als ich mit Agnes Mols Mortensen auf dem Felsen sitze, über ihre Forschung plaudere, und wir dann beschließen, zum Fjord von Gotha zu fahren, weil “alle da sind“, wie Mortensen sagt, auch ihr Mann, auch ihre Tochter, denke ich noch – es handelt sich um einige verirrte Grindwale, die an Land getrieben werden.

Ich bin nicht zimperlich. Ich war als Journalistin schon in Kriegs- und Krisengebieten. Ich weiß um menschliche Grausamkeiten. Ich habe die toten Schulkinder des Terroranschlags im nordossetischen Beslan am 1. September 2004 gesehen. Ich traf dort ein, als die Leichen noch auf dem Schulhof lagen. Ich bilde mir ein, dass mich nicht mehr sehr viel erschüttern kann und bei Szenen des Grauens eine journalistische Distanz möglich ist. Sonst wäre ich nicht mit Mortensen zum Fjord gefahren.

Tanz auf Kadavern

Schon vor der Bucht von Gotha stauen sich Fahrzeuge, jeder verfügbare Platz ist verstellt. Am Strand sind einige hundert Menschen, zumeist Familien, es herrscht Volksfestatmosphäre. Das Wasser ist bereits rot vom Blut der Tiere, es sind, so wird die Zählung später ergeben, über 150 Grindwale. Etwa ein Drittel liegt mit durchschnittenem Nacken am Strand, die anderen schlagen im Wasser um sich. Mehr als einhundert Männer in Gummistiefeln oder Neoprenanzügen, manche aber auch in Alltagskleidung, waten durch das Blut-Wasser-Gemisch und ziehen die kämpfenden Tiere mit Seilen ins flache Wasser, andere eilen herbei und schneiden ihnen tief in den Nackenbereich. Mit Messern einige, andere mit einem lanzenartigen Gerät. Besonders die Jungtiere schreien voller Panik und schlagen wild mit der Schwanzflosse. Die wenigsten Tiere sterben schnell, die meisten leben noch einige Minuten. Ihr Todeskampf ist entsetzlich. Sie peitschen das Wasser, sie drehen und winden sich, alle Beteiligten und auch etliche der Zuschauer am Strand sind voller Blut.

Volk feiert die Treibjagd. Wer nicht mit anpackt, fotografiert und macht Selfies. Bild: Norðlýsið (https://bit.ly/2KE64cZ)

Am Ufer herrscht derweil gute Stimmung. Kinder turnen und tanzen auf den Kadavern herum, fassen in die Halswunden, und Eltern fotografieren sie dabei. Mädchen machen Fotos von ihren Freunden, wie sie töten, wie sie das Messer ansetzen, wie das Blut in einem Schwall aus dem Wal quillt. Ich laufe den Strand entlang und schaue in die Gesichter, suche nach einem, dessen Gesichtsausdruck jenes Entsetzen widerspiegelt, das ich empfinde. Ich schaue nach Menschen, die protestieren, nach Tierschützern, die das grausame Abschlachten filmen, nach einem, nur einem, der dieses Sterben beweint. Da ist niemand. Stattdessen lachende Menschen, Männer, die jedes an Land getriebene und getötete Tier bejubeln, sich High Five geben, sich stolz das Gesicht mit Blut verschmieren.

Ein großer Wal kämpft besonders lange. Obwohl er schon einen klaffenden Schnitt in der Kehle hat, Blut, viel Blut ausströmt, stirbt er nicht. Seine Schwanzflosse trifft die Umstehenden, wirft sie ins Wasser, einer und noch einer und noch einer stößt ihm seine Klinge in die Kehle. Kurz will ich ihm zu Hilfe eilen, weiß aber, es ist für das Tier zu spät. Stattdessen schaue ich auf die Uhr. Es dauert unendliche sechs Minuten, bis das Tier still ist.

Nicht einmal eine halbe Stunde hat es gedauert, dieses Massentöten. Jene, die am Fjord von Gotha wohnen und jene, die getötet haben, reihen sich ein, um sich in Listen einzutragen. Wenn die Wale zerlegt sind, wird jeder einen Anteil an Fleisch und Speck bekommen. Die Menschenmenge zerstreut sich nicht so schnell. Man plaudert, fotografiert weiterhin, Kinder hüpfen von Kadaver zu Kadaver. Mit Seilen werden die Wale schließlich an Boote gebunden und in den nahen Hafen gezogen. Dort steht bereits ein Kran, der sie an Land hievt, noch immer bluten sie, der Asphalt ist so rot wie das Meer. Gabelstapler hieven die abgeladenen Wale und fahren sie wie Ware herum und legen sie in Reihen.

Als ich später im Internet nach Informationen suche, lese ich, dass sich die Wale nicht in die Buchten und Fjorde verirren, sondern schon auf dem Meer aufgetrieben werden. Ich lese auch, wie empört die Färöer darüber sind, nach jedem Wal-Töten als “barbarische, mitleidlose Mörder“ dargestellt zu werden. Sie sehen in jedem Versuch, das “Grindadráp“, was auf Färöisch für die Grindwaljagd steht, zu unterbinden, ein Eingreifen in ihre Rechte und Traditionen.

Am Hafen, vor den langen Reihen toter Wale, suche ich das Gespräch mit einigen Leuten, frage nach Mitleid für die Tiere, nach Entsetzen über die Panik und den Schmerz der Wale. Nach dem Sinn des Tötens. Ich versuche, nicht anklagend zu klingen, sondern bei meinen Gefühlen zu bleiben. Ich sage, es erfülle mich mit Traurigkeit, und es sei ein Schock. Ich höre viele Sätze von Tradition, von “so ist es hier schon immer gewesen“, davon, dass die Grindwale schließlich nicht gefährdet seien und auch, dass die Färöer sich von anderen nicht sagen ließen, was sie zu tun hätten. Ich bestehe auf meinen Fragen nach Mitgefühl, nach Achtung vor anderem Leben. Wie kann man ohne Zögern derart hochentwickelten Wesen so viel Leid antun, will ich wissen. In einem Schlachthaus für Kühe oder Schweine herrsche ja auch kein Mitleid, bekomme ich als Antwort.

Mit Agnes Mols Mortensen verbringe ich weitere Tage. Ich lerne sie als eine Frau kennen, die sich viele Gedanken über Nachhaltigkeit und Umweltschutz macht und dennoch das Grindadráp verteidigt. Was sie erzählt von den 18 Inseln mitten im Atlantik, von diesen Archipelen, auf denen rund 50.000 Menschen leben, sind Geschichten aus einer Art Mikrokosmos, der beinahe ein Jahrtausend lang abseits der großen Welt lag. Karge Inseln, auf denen man wenig anbauen und fast nur Schafe halten kann. Man überlebte nur, wenn man dem Ozean abjagte, was man fangen konnte. Auch Wale. Eine große Herde erlegt zu haben, konnte darüber entscheiden, ob man den rauen färöischen Winter satt oder hungrig überdauerte. Es gab einst Gründe, eine erfolgreiche Waljagd zu feiern.

Legende: Barbarische Mörder? Hier beruft man sich auf Tradition, auf Identität. Foto: Andrea Jeska

Gegen die Dänen

Wie die meisten abgelegenen Welten geriet auch die der Färöer ins Trudeln, als sie von der Globalisierung erreicht wurde – dazu von Tierrechtlern und Umweltaktivisten, dazu von Gesetzen und Anschauungen vom fernen Festlandeuropa, vor allem vom “Mutterland“ Dänemark, dessen Vorgaben als oft Gängelei wahrgenommen werden.

Es sind Geschichten eines Volkes, das gern ein eigenes wäre, mit eigenem Staat und eigenen Gesetzen. Immerhin verfügt man über eine eigene Fahne und eigene Pässe, muss sich jedoch zumindest teilweise beugen, wenn es um Fischfangquoten geht. Von dieser Globalisierung fühlen sich die Färinger mehr in ihrer Existenz bedroht als von den Unbilden der Natur, vom Wüten des Meeres und von Zeiten der Entbehrung. So ist das „Recht“ auf die Waljagd zum Symbol eines Kampfes um die eigene Identität und Lebensform geworden. So essen viele Färinger noch immer dieses Walfleisch, obschon sie wissen, dass es ist in gesundheitsschädlichem Maße mit Schwermetallen kontaminiert ist – es kann Parkinson und andere Krankheiten hervorrufen.

Als ich am anderen Morgen wieder an der Bucht vorbeikomme, ist das Wasser noch immer rot. Die Bilder der sterbenden Tiere werden mir lange nicht aus dem Kopf gehen. Das gilt auch für den Gedanken, dass Traditionen und Selbstbehauptung keine Entschuldigung sind für die Mitleidlosigkeit, deren Zeuge ich wurde. Auch gibt es längst Alternativen zum Walfleisch. Auf diesen Inseln muss längst niemand mehr hungern. Die Einordnung des Massakers in die Verunsicherungen der Moderne, die den Färöern zu schaffen macht, hilft mir zu verstehen, dass ich Zeuge eines Ereignisses wurde, hinter dem mehr steht als eine archaische Brutalität.

1 Kommentar

  1. marie luise vonier sagt:

    das ist ja grauenvoll zu lesen, was sind wir doch für bestialische menschen, die an so etwas eine freude haben. ich glaube wir schreiten in der verrohung immer tiefer, vor den menschen wird ja auch kein kalt gemacht. ich gebe die hoffnung nicht auf, dass die empathie oberhand gewinnt.

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