Eine Gezeitenwende

Japanese tourists have no idea the suffering dolphins go through to bring them into captivity. Photo: Leah Lemieux

In Japan vollzieht sich ein Wandel. Eine Wende der Gezeiten. Schritt für Schritt, ohne viel Aufhebens oder Debatte. In Japan stirbt die Praktik der Delfin- und Schweinswaljagd zur Fleischgewinnung allmählich aus. Sicher, die japanische Fischereibehörde vergibt immer noch dicke Fangquoten am laufenden Band. Aber nach und nach steigen immer mehr Präfekturen stillschweigend aus, da die Nachfrage und der Markt für Delfin- und Walfleisch kontinuierlich sinkt.

Japanische Touristen wissen nicht, welches Leiden Delfine während des Fangs und danach durchmachen. Foto: Leah Lemieux

Von Leah Lemieux

Es gibt eine alte Redewendung im Japanischen, “Furu kusai” 古い臭い, die so viel bedeutet wie “Schnee von gestern“ – eine Bezeichnung für Dinge der Vergangenheit, die als unwichtig, sinnlos und veraltet betrachtet werden. Ich denke, diese Bezeichnung trifft den Punkt. Der Walfang in Japan verliert Jahr für Jahr an Bedeutung, und die älteren Menschen, die noch am ehesten Walfleisch konsumieren, sterben allmählich weg.

Ein kurzer Blick auf die Zahlen offenbart vieles. Während jährliche Quoten festlegen, wie viele Kleinwale (schließt Delfine mit ein) jede Präfektur schlachten darf, werden die Statistiken der tatsächlichen Fangzahlen erst mehrere Jahre später veröffentlicht.

Wie sich herausstellt, sind die tatsächlichen Fangzahlen relativ gering im Vergleich zu den bewilligten Quoten. Man betrachte zum Beispiel die Tötungssaison 2011/2012:
Obwohl eine Gesamtzahl von 17,939 Kleinwalen zum Fang freigegeben war, wurden tatsächlich 3,133 Kleinwale getötet und 89 lebend gefangen (in Taiji).
In der Saison 2013 lag die Gesamtquote bei 17,216, getötet wurden 2,619 und 153 gefangen genommen (wieder in Taiji).
In der Saison 2014 war die Gesamtquote 16,497, getötet bzw. gefangen wurden 2,586 Kleinwale.

Die Präfekturen Hokkaido*, Aomori und Shizuoka beendeten den Delfin- und Walfang bereits vor Jahren, und Chiba, Miyagi und Okinawa fangen sehr wenige Tiere. Die Fangzahlen der Präfektur Iwate, die über viele Jahre mit Tausenden getöteter Schweinswale den Löwenanteil der Fangquote ausgemacht hatte, waren bereits vor dem vernichtenden Tsunami von 2011 drastisch gesunken.

Übrig bleibt die Präfektur Wakayama, genauer gesagt, die kleine Gemeinde Taiji im Süden Japans. Wie ein einsames Irrlicht auf der Landkarte Japans macht Taiji mit dem Walfang weiter. Allerdings sinkt sogar in Taiji die Anzahl der Delfine, die in den Sommermonaten mit Harpunen gejagt werden.

Nichtdestotrotz ist die Zahl der jagdbaren Walarten gestiegen. Erst 2017 sind nämlich Rauzahn- sowie Breitschnabeldelfine zusätzlich zum Fang freigegeben worden. Die bewilligten Quoten dieser neuen, bislang nicht tangierten Gattungen wurden schnell erfüllt, was eine sofortige Quotenerweiterung für beide Arten nach sich zog. Ironischerweise ist es nicht der Wunsch nach Delfinfleisch, sondern der Handel mit lebenden Delfinen, der diese Entwicklung schürt.

Delfinjäger von Taiji versuchen das Blutvergießen zu verbergen.

Taiji macht sich die Faszination zunutze, welche Delfine auf nichtsahnende Menschen ausüben. Ein zynischeres Geschäft kann man sich kaum vorstellen. Verborgen hinter der Bezeichnung “Traditioneller Walfang“ (und hinter Metern und Metern von Plastikplanen) erleiden Hunderte von Delfinen stundenlange Todesängste, Qualen und Verletzungen, ertrinken, oder werden im Chaos und im Lärm der Motorboote von ihren Familien getrennt. Siehe hier Beitrag in ARD-Tagesthemen.

Mitarbeiter von Delfinarien wählen junge, hübsche Delfine für ein Leben in Gefangenschaft aus, die übrigen Mitglieder der Delfinschule sind freigegeben zum Abschlachten. Da die Nachfrage nach Delfinfleisch so gering ist, werden die erschöpften und traumatisierten Tiere, unter ihnen winzige Delfinbabys, teilweise zurück ins Meer getrieben und ohne Leitung und Schutz durch Muttertiere und Familienangehörige sich selbst überlassen. Wie viele weitere Delfine nach dieser furchtbaren Tortur sterben, bleibt unbekannt.

All dies geschieht, um Delfinarien in Japan, China und anderenorts mit durch Reifen springenden Akrobaten zu versorgen. Und die bitterste Ironie ist, dass arglose Menschen durch den Kauf von Eintrittskarten zu Delfinarien die Jagd in Taiji unterstützen, obwohl sie Delfine LIEBEN! Es liegt nahe, dass die meisten dieser Menschen entsetzt wären, wenn sie wüssten, welchen Horror die Delfine durchmachen, schon bevor sie in den trostlosen Betonbecken der Delfinarien landen, und wieviel Blut dabei geflossen ist.

Tatsächlich ist die Delfinjagd in Taiji derart brutal, dass der Japanische Zooverband, übereinstimmend mit dem Weltzooverband WAZA, die Grausamkeit der Treibjagden in Taiji verurteilt und Einrichtungen, die dem Verband angehören, den Kauf von Delfinen aus diesen Fängen verbietet.

Das Leiden, das die Delfine in Taiji ertragen müssen, ist erschütternd. Ich habe vor Ort mit eigenen Augen gesehen, wie entsetzlich diese Treibjagden sind. Und dennoch: seinem Ärger darüber auf sozialen Medien Luft zu machen und Hassnachrichten zu verbreiten, hilft keinem einzigen Delfin.

Deshalb lieber: Weitsicht statt Wut.

Mutige japanische Aktivisten demonstrieren vor dem Walmuseum in Taiji, Sommer 2017.

Sei Dir bewusst, dass der “ausländische Feind“ die Delfinfänger in Taiji eint und vereint. Sie gewinnen die Sympathie ihrer Landsleute und die Unterstützung der Regierung, indem sie sich über aggressive Aktivisten beklagen.

Wenn Du wirklich helfen möchtest, dann fokussiere Dich auf Kontakte zur wachsenden Zahl von Japanern, welche die Delfinjagd verurteilen, um deren Proteste zu unterstützen. Aufmärsche wutentbrannter Ausländer sind furchteinflößend und schrecken fast alle potenziellen japanischen Delfinschützer ab.

Wenn Du ein Teil der Lösung sein möchtest statt ein Teil des Problems, dann nutze Deine Energien weise. Es gibt eine neue Generation japanischer Umweltschützer, die sich des Leidens der Delfine mehr und mehr bewusst werden. Lasst uns diesen Menschen die Ermutigung geben, die sie verdienen; lasst uns ihnen helfen, dieser Situation Herr zu werden. Denn machen wir uns nicht vor: Es ist an den Japanern allein, das Delfinschlachten zu beenden. Sie sind die einzigen, deren Stimmen in Japan gehört werden und die wirklich positive Veränderungen zu bewirken vermögen.

*Hokkaido scheint die Jagd auf Schweinswale vor einigen Jahren eingestellt zu haben, tötet aber jährlich noch immer eine begrenzte Anzahl von Schnabelwalen.

Leah Lemieux ist Autorin und Dozentin. Sie engagiert sich seit 25 Jahren für Delfinschutz und wirkt an verschiedenen Initiativen zur Aufklärung über die Meeressäuger sowie deren Erhaltung mit. Sie arbeitet auf internationaler Ebene sowohl mit unabhängigen Tierschützern als auch mit nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) zusammen, unter anderem mit dem “Roots & Shoots Environmental and Humanitarianprogram“ des Jane-Goodall-Instituts.

5 Kommentare

  1. Susanne Kramer-Druzycka sagt:

    Es ist höchste Zeit, dass die Weltgemeinschaft Japan zur Raison bringt, damit die Jagd auf Wale und Delfine endlich gestoppt wird!

  2. Sylvis sagt:

    Ich bin trotzdem wütend auf diese Killer!!!

  3. Sonja Pfaffeneder sagt:

    Wird aber auch zeit….Bitte kein töten mehr!

  4. Francesca Milanesi sagt:

    Das ist der richtige weg, schluss mit dem töten!

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