Die Delfin-Party der Polit-Partei

Eine opulente Studienreise für einflussreiche japanische Jungpolitiker nach Taiji macht es klar: Dieses verschlafene Fischerdorf mit seinen Delfinjagden in einer unscheinbaren Bucht hat den Segen von höchster Ebene.

Delfinjagd in Taiji: Artiger Applaus und Bilder mit dem Smartphone.

Von Jay Alabaster *

„Delfine!“ Der Ruf erweckt die am Strand aufgereihte wohlfrisierte Herrenschar zum Leben. Gebannte Blicke hinaus auf den Pazifik, die Knöpfe maßgeschneiderter Büro-Anzüge in der Morgensonne glänzend. Tatsächlich – eine Delfinschule wird sichtbar. Eine wogende Menge glitzernder Leiber, jeder so groß wie ein ausgewachsenes Wildschwein, bewegt sich auf den Strand zu, vielleicht noch einen Kilometer vom Ufer entfernt. Ein panisch preschender Knäuel von 40 bis 50 Streifendelfinen.

Aus allen Ecken Japans sind sie angereist, die Jungstars der Liberal-Demokratischen Partei (LDP). In Japan, wo sie die Zügel seit 60 Jahren praktisch ununterbrochen fest in der Hand hält, ist die LDP die Politik schlechthin. Fraktionen und Allianzen innerhalb der Partei sind da so mächtig wie in anderen Ländern ganze Parteien. Die geschniegelten Männer am Strand gehören der LDP-Jungfraktion an, bestehend aus regionalen, überregionalen und nationalen Versammlungsmitgliedern unter 45 Jahre.

Elite an der Bucht

Jungstars der Liberal-Demokratischen Partei (LDP)

Jedes Jahr unternehmen sie eine Studienreise, um sich mit einer politisch bedeutsamen Angelegenheit zu befassen. Dieses Jahr hat die Reise zur „Wal-Tagung“ nach Taiji geführt. Die künftige politische Elite Japans, einer Großmacht, die mit militärischer Unabhängigkeit, mit dem unaufhaltsamen Aufstieg Chinas, der Abhängigkeit von Atomenergie, der serbelnden Geburtenrate, ja sogar mit einem herben nationalen Streit um Thunfischbestände ringt – versammelt sich ausgerechnet hier, an einer winzigen felsigen Bucht in Taiji, um die Delfinjagd zu beobachten.

Der abgelegene kleine Küstenort nimmt – vor Abzügen – weniger als zwei Millionen Dollar aus den Treibjagden ein. Das ist kein Hundertstelprozent von Japans Gesamteinnahmen aus der Fischerei.

Dem panisch springenden Haufen Delfine folgt mit wummernden Motoren eine Reihe japanischer Fischerboote, zu der sich in Ufernähe Motorboote gesellen. In Zangenformation treiben sie die Delfine vor sich her, näher und näher zur Bucht mit den am Strand wartenden Männern. Eine Lautsprecherstimme überdröhnt das Spektakel:

… und die Delfinart, die sie hier sehen, ist schreckhaft und daher ungeeignet für eine Lebendgefangenschaft, im Gegensatz zu den Tümmlern, die sie in Delfinshows sehen. Es sind Streifendelfine, und sie werden … Und jetzt sehen sie, wie die Fischer die Netze vor die Buchtöffnung ziehen. Sobald sie zugezogen sind, ist die Delfintreibjagd vorbei.

Artiger Applaus

Die Männer applaudieren artig und einige jubeln, während sie mit ihren Smartphones fotografieren, wie die vor Angst wahnsinnigen Delfine in einen Bereich der Bucht außer Sichtweite getrieben werden. Nach dem obligaten Gruppenfoto läuft die Schar zur nahen Straße, wo sie ein ganzer Konvoi von Reisebussen, Minibussen und chauffierten Limousinen verschluckt. Eine Stunde danach fahren die Boote aus dem verborgenen Bereich der Bucht. Vollbeladen mit toten Delfinleibern halten sie inne, rollen die Netze ein und tuckern danach weiter zum Hafen.

„Wir hatten sie alle schon zusammengetrieben und startklar“, erklärt mir später ein Fischer, als ich ihn frage, wie sie ein so perfektes Timing zustande gebracht haben mit einem Schwarm hysterischer Torpedos, die man im offenen Meer über 15 Kilometer gegen die kräftige Strömung und durch eine vielbefahrene Schifffahrtstrasse treiben musste. „Gut, dass es keine Rundkopfdelfine waren“, meint er, sich auf eine tieftauchende Delfinart beziehend, bei denen die Treibjagd Stunden dauern kann. Die Fischer in Taiji dürfen neun Delfinarten jagen. Alle haben ihre Besonderheiten und unterschiedlichen Marktwert. Streifendelfine, die nur ihres Fleisches wegen gefangen werden, werfen ein paar hundert Dollar pro Tier ab. Tümmler hingegen, von Aquarien als Showtiere begehrt, bringen mehrere Zehntausend Dollar ein, noch bevor sie gezähmt und trainiert sind.

Dann kam der Oscar

Festmahl im Hotel „Weißer Wal“. Die Tische sind beladen mit einem Buffet aus Wal- und Delfinfleisch.

Seit 2010 komme ich zu dieser Bucht, und die schiere Gewalt die man hier erlebt, schockiert mich inzwischen nicht mehr. Eigentlich ist die Bucht nur eine kleine, undefinierte felsige Kerbe in der Küste, von den Einheimischen früher „Hatakejiri“, oder „Hintern des Feldes“ genannt, als es noch keine Straße gab und die Fischer sie als Zugang zu einem der wenigen anbaufähigen Landstücke benutzten. Vor einem halben Jahrhundert wurde die Bucht behelfsmäßig in einen Delfinschlachthof verwandelt; ein Flecken Erde, abgelegen und unbedeutend genug, damit das blutige Geschäft des Delfinschlachtens andere Fischer nicht stören würde, die genug davon hatten, auf dem Weg zum Markt durch blutgefärbtes Wasser stapfen zu müssen.

In den 1980er Jahren entdeckten westliche Umweltaktivisten, die als Teil der weltweiten Anti-Walfangbewegung nach Taiji fanden, die Bucht. 2009 wurde diese zum Drehort von Die Bucht, einem Dokumentarfilm gegen die lokalen Treibjagden.

Die Bucht (engl. „The Cove“) erhielt einen Oscar und die Bucht wurde in der Folge zum Schauplatz einer glühenden, bisweilen ans Bizarre grenzenden Auseinandersetzung, ob die Delfinjagd vertretbar oder verwerflich sei. Nahezu ein Jahrzehnt später erweist sich der Sog dieser Debatte noch immer als unwiderstehlich für Aktivisten, Aufmerksamkeitsheischende, Medien, Gelehrte, Nationalisten, Bürokraten, Botschafter und Politiker, ja sogar für einen eigenartigen Mix von „Cove-Touristen“, die sich nie sicher zu sein scheinen, ob sie ihre Kameras nun auf die Jagden auf See oder auf das Theater an Land richten sollen.

Faszinierendes Drama

Ich war als Reporter der Associated Press involviert und konnte mich der Faszination des Dramas nicht entziehen. Ich habe Dutzende Delfinjagden miterlebt, sah, wie Demonstranten den Strand mit Plakaten und aufblasbaren Delfinen bevölkerten, wie japanische Nationalisten Delfinfleisch grillten, wie sich Aktivisten auszogen und zu den panischen Delfinen hinausschwammen, um sie zu beruhigen; ich erlebte die Einrichtung eines lokalen Polizeipostens, einzig, um all die Menschen, die sich hier während der Delfinjagdsaison tummelten, zu kontrollieren und sah Schwimmen-mit-Delfinen-Angebote, um außerhalb der Saison Touristen nach Taiji zu locken; ich war sogar dabei, als der gesamte Strand zu einer Art Freilichttheater verwandelt wurde, um einen ziemlich vorhersehbaren Film über die Kontroverse abzuspielen.

Am Tag vor der Besichtigung der Delfinjagd haben sich die knapp 100 Jungpolitiker und Funktionäre zu einer ausführlichen Studientagung zu den Themen Walfang und Praktiken der japanischen Delfinjagd in Japan versammelt. Das aktuelle japanische Kabinett unter der Leitung von Premierminister Shinzo Abe hat wiederholt seine Unterstützung für die Delfinjagden unterstrichen. Das winzige Taiji mit seinen kaum mehr als 3000 Einwohnern profitiert von dieser Bekräftigung durch einen Zustrom von finanziellem und politischem Support. Dazu kommen eigens beorderte Polizeikräfte und die Entsendung eines Küstenwach-Schiffes während der gesamten Jagdsaison.

Gewiefter Polit-Veteran

„Wal-Gipfel“ in Taiji.

„Es ist mein aufrichtiger Wunsch, dass jeder der hier Anwesenden von der LDP viel über unsere Walfangkultur lernt und die Gelegenheit wahrnimmt, Walfleisch zu essen, um seine Wertschätzung für den Walfang weiter zu vertiefen.“ Dies sind die Worte in einer aufgezeichneten Videobotschaft von Toshihiro Nikai, einem ausgekochten Politveteranen alter Schule. Der gerissene Machtverhandler, der die Präfektur Wakayama seit 1983 national vertritt, versteht die nationalen Abwehrreflexe gegen die Walschutzbewegung geschickt zu nutzen, um die Delfinjäger zu Opfern einer internationalen Hetze zu stilisieren und Wal- und Delfinfleisch als patriotische Delikatessen anzupreisen.

Am Abend erscheinen alle zu einem von den Bewohnern Taijis ausgerichteten Festmahl im örtlichen Hotel „Weißer Wal“. Die Tische sind beladen mit einem Buffet aus Wal- und Delfinfleisch – vorzügliche Sashimi-Filets von Walflossen, -kehlen und -bäuchen, Ingwerbraten, gekochte Zunge, geröstete Hautchips. Lokale Fischer und Einwohner mischen sich unter die Elite-Bürokraten der Fischereiministerien und Jungpolitiker, die wiederholt Reden für den „Schutz der Walkultur“ halten und zum „Stopp der illegalen Einmischung“ von Aktivistengruppen aufrufen. Kellnerinnen tragen in unablässigem Strom den japanischen Reiswein Sake aus der Küche heran. Um die unzähligen Trinksprüche und Tischreden hinunterzuspülen, fließt Bier in Strömen.

Blutunterlaufene Augen

Als ich am nächsten Morgen mit den Politikern über die Bedeutung des internationalen Dialogs in Bezug auf so delikate Themen wie den Walfang sprechen will, blicke ich in ein Heer blutunterlaufener Augen.
Was auch immer die zweitägige Studienreise bei den staatstragenden LDP-Politikern der Zukunft an Wissen hinterlassen hat, die Wal-Veranstaltung macht es glasklar: Taiji, dieses winzige Nest und die Delfinjagden in dessen unscheinbarer Bucht genießen die Absolution der einflussreichsten politischen Mächte Japans.

* Jay Alabaster ist Doktorand und Lehrbeauftragter an der Walter Cronkite School of Journalism der Arizona State University. Zurzeit lebt er in Taiji, wo er an seiner Dissertation und einem Buch arbeitet. Facebook: http://www.facebook.com/alabasterjay. Email: jay.alabaster@asu.edu.

4 Kommentare

  1. Sylvia sagt:

    Das zu Lesen schockiert mich sehr! Gibt es denn keine normalen Japaner in Japan?
    Der blanke Horror dieses Volk!!!
    Wann hört dieser Horror des Abschlachten und fangen dieser schönen Tiere endlich auf?!!

  2. Rolf C. sagt:

    Ein sehr interessanter Artikel der das wahre Gesicht der Politik verdeutlicht. Und egal ob japanische oder deutsche Politiker, im Kern sind sie alle gleich schlecht.

  3. Guido Henning sagt:

    Absolut lesenswert. Fünf Sterne und Daumen hoch.

  4. […] man in CetaJorunal.net (deutsche Version hier) lesen kann, besuchten vor Kurzem etwa 100 Abgeordnete der japanischen Liberaldemokratischen Partei […]

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