Der Irr-Witz der Haifisch-Jagd

Mecca for shark fin trading: Des Voeux Road in Hong Kong. Photo: Hans Peter Roth

Ein Rundgang durch Hongkongs Quartiere des Haifischflossen-Handels wird zum erschütternden Zeugnis, mit welcher Offenheit dort derartige Produkte noch immer gehandelt werden. Zudem gibt es direkte Verbindungen der Hai-Jagd mit dem Delfinfang – und von diesem wiederum zur Aquarienindustrie.
Mecca for shark fin trading: Des Voeux Road in Hong Kong. Photo: Hans Peter Roth

Mekka für Haiflossen-Handel: des Voeux Road in Hongkong. Foto: Hans Peter Roth

«Sind das nicht Haifischflossen?» Eigentlich war nur ein Rundgang zur Erkundung der Umgebung um unser Hotel in Hongkong vorgesehen. Doch kaum sind wir unterwegs in der Des Voeux Road, einer eher traditionellen Geschäftsstrasse, bleibt der Meeresschützer Sasha Abdolmajid vor einem Laden stehen und deutet auf ein Regal. Darauf stapeln sich knorplige, gelblich-beige gebleichte Tierprodukte. Deren Form macht auf einen Schlag klar: es sind Haifischflossen…

Schock. Verstörung. Nicht nur der Tatsache wegen, hier plötzlich vor Haiflossen zu stehen, sondern vor allem auch wegen deren Menge. Regale voll davon. Abgeschnittene, gedörrte Haiflossen sackweise. Perplex wandeln wir weiter – nur um festzustellen, dass fast jeder Laden hier ganz offen dasselbe anbietet: Haifischflossen.

Es müssen Hunderttausende sein, die wir auf einer Strecke von vielleicht 400 Metern auf der einen Strassenseite hin und auf der anderen wieder zurück sehen. Viele sind klein, andere geradezu riesenhaft. Mit Entsetzen entdecken wir sogar eine Walhaiflosse. Dabei blicken wir nur in die Geschäftsauslagen zur Strasse hin und nicht in die angeschlossenen Lagerhallen und Hinterhöfe…

Flossen als Ladenhüter?

Ein realer Alptraum. Wir sind ganz zufällig mitten im Quartier, wo die Haiflossen gehandelt werden für die in China begehrte, völlig fade Haifischflossensuppe. Einige Händler jagen uns davon, wenn wir fotografieren und filmen wollen. Andere aber heissen uns willkommen und sprechen unverblümt in die Kamera, als handle es sich bei ihrer Ware um Marmelade oder Konserven. Das Geschäft laufe nicht mehr gut, berichten sie. Die Nachfrage sei um etwa zwei Drittel eingebrochen. Genau deshalb seien die Regale überfüllt – der schleppende Absatz mache die Flossen zu Ladenhütern. Bei all dem Horror wenigstens ein kleiner Lichtblick…

Aber die Bilder lassen mich nicht mehr los, während Tagen. Vor meinem inneren Auge sehe ich alle diese Tiere im Ozean schwimmen. So wie ich es gesehen habe in Videos für das Projekt Vision NEMO, das multimediale und interaktive Tor zum Ozean der Fondation Franz Weber (FFW), in Dokumentarfilmen und mit eigenen Augen beim Tauchen. Zehntausende, Hunderttausende von Haien haben allein für den Handel in dieser einen Strasse ihr Leben gelassen, um eines gedörrten, zähen, geschmacklosen Körperteils willen.

Mecca for shark fin trading: Des Voeux Road in Hong Kong. Photos: Sasha Abdolmajid

Haiflossen-Handel in Hongkong. Fotos: Sasha Abdolmajid

Delfinfleisch als Köder

Und ich sehe innerlich, wie diese wunderschönen, hochsensiblen und perfekt an ihren Lebensraum angepassten Wesen, die als «Gesundheitspolizisten» eine absolut zentrale Schlüsselrolle für das Gleichgewicht in den Ozeanen spielen, gefangen werden. Millionenfach. Wie sie sich in Qual und Todesangst an grossen Angelhaken winden, an denen sie mit ihrem ganzen Gewicht hängen, ihre Mäuler blutend durchbohrt. Wie sie mit brutaler Gewalt an Bord gezerrt werden – wo Männer mit scharfen Messern warten… und ihnen alle Flossen abschneiden. Die Haie leben! Und werden verstümmelt – lebendig! – zurück ins Wasser geworfen. Langsam, unter namenlosen Qualen gehen sie zugrunde…

Hongkong ist ein Umschlagsplatz für Haiflossen aus der ganzen Welt – auch aus Peru und Indonesien. Dort zeigt die Jagd nach den Jägern der Meere besonders bestialische Auswüchse. Denn als Köder wird da oft Delfinfleisch auf die Haken gesteckt. Gemäss Schätzungen der FFW-Partnerorganisation OceanCare sterben in Peru Jahr für Jahr rund 15‘000 Delfine einen grauenvollen Tod unter den Händen der Haikiller. So sind die Konsumenten fader Haiflossensuppe in Ostasien auch verantwortlich für das grösste Delfinmassaker der Erde.

Delfinjagd für Aquarien

Indirekt veranschaulichen diese schockierenden Tatsachen auch die Gier und den schamlosen Zynismus der Aquarienindustrie. Im japanischen Fischerdorf Taiji etwa ist der lukrative Lebend-Verkauf von Delfinen für Delfinarien der Antriebsmotor, der die Delfin-Treibjagd, bei der alljährlich weiterhin Hunderte der Meeressäuger abgeschlachtet werden, am Leben erhält.

Trotzdem werden Aquarien und Delfinarien nicht müde, ihre rein kommerziellen Absichten mit der Behauptung zu kaschieren, sie böten dem Publikum «Umweltbildung» und «Sensibilisierung». Ein buchstäblicher Irr-Witz. Denn ausgerechnet Japan, das Land mit der höchsten Zahl an Delfinarien weltweit, ist auch weltweit das einzige Land, wo das systematische Abschlachten verschiedener Delfinarten weiterhin legal ist.

«Bildung» und «Sensibilisierung»? China, ein Land mit Dutzenden von Grossaquarien, die Haie zur Schau stellen, ist durch seinen – wenn auch endlich abnehmenden – Hunger nach Haifischflossen weiterhin verantwortlich, dass Abermillionen von Haien unter den Messern ihrer gnadenlosen Verfolger verenden.

Und bevor Aquarienbetreiber hierzulande nun heuchlerisch mit dem Finger in Richtung Ostasien zeigen mit der Beteuerung, bei uns sei alles besser, ist in aller Deutlichkeit zu betonen, dass Haie auch zur Haltung in hiesigen Aquarien gejagt werden – auch für das geplante Ozeanium in Basel, sollte es denn gebaut werden. Bedrohte und in ihren Beständen massiv dezimierte Wildtiere fangen unter dem Vorwand der «Bildung» und «Sensibilisierung» – wie soll das aufgehen?

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Opfer menschlicher Gier (Hammerhai). Foto: WWF

Vision NEMO als Lösung

Hoffnung und Trost vermitteln zwei Dinge. Zum einen ein aktuelles Video aus Mexiko von der Begegnung mit einem sieben Meter langen Weissen Hai; Aufnahmen, die beweisen, dass es von dieser höchst bedrohten Art noch immer kapitale Riesenexemplare gibt. Im vorliegenden Fall ist es sogar ein trächtiges Weibchen.

Auch dem Schweizer Top-Taucher und Botschafter für Vision NEMO, Roger «Sharkman» Michel, sind bei Begegnungen mit weissen Haien im offenen Wasser einmalige Videoaufnahmen gelungen, welche die perfekte Eleganz und Schönheit dieser majestätischen Tiere zeigen, die ruhig, ja geradezu «friedfertig» an Roger Michel vorbeischwimmen.

Dabei wird einmal mehr eindringlich klar: Aquarien sind ein antiquiertes Relikt aus dem letzten Jahrhundert; umweltschädlich, tierquälerisch und ohne jeden Nutzen zur so dringend nötigen Sensibilisierung der Menschen für den Lebensraum Ozean. Die zeitgemässe Lösung liegt auf der Hand: Projekt Vision NEMO der FFW, das multimediale und interaktive Fenster zum Ozean.

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