Tödliches Geschäft mit Delfinen

«Red Sea» at the infamous Cove of Taiji. Photo: Oceanic Preservation Society

Erkenntnisse nach einer Japan-Reise. Delfinschützer Sasha Abdolmajid fordert ein Umdenken zum Schutz der Meeressäuger. Sein Appell lautet: „Delfinarien und Meeresparks meiden.“

«Red Sea» at the infamous Cove of Taiji. Photo: Oceanic Preservation Society

Unvorstellbar grausam: Rot vom Blut der sterbenden und getöteten Delfine ist das Wasser in der Bucht. Foto: OPS

Von Ferdinad Heske

M it der Kinovorführung des Dokumentarfilms Die Bucht (The Cove) sorgte er vor rund einem Jahr für Aufsehen: Der mit einem Oscar ausgezeichnete Streifen zeigt unter anderem die Delfinjagd in der Bucht des Fischerdorfs Taiji in Japan.

Taiji ist weltweit der größte Exporteur von lebenden Delfinen. In der vergangenen Saison wurden rund 900 Tiere abgeschlachtet und etwa 250 lebend für den Verkauf aussortiert.

Sasha Abdolmajid wollte die Menschen in der Region mit dieser Art von Öffentlichkeitsarbeit wachrütteln. „Wie lange will die Welt noch zuschauen, was mit der Natur passiert?“, fragte er damals in einem Gespräch mit dem Super Sonntag, wohl wissend, dass es, so seine nüchterne Einschätzung, „noch größere Probleme auf der Welt gibt.“ Aber, so argumentierte er: „Irgendwo müssen wir anfangen und aktiv werden.“

Abdolmajid ist weiter aktiv geblieben und hat sein privates Engagement weiter fortgesetzt. Zahlreiche Aktionen und Filmvorführungen in Schulen des Kreises sind der Beleg für seinen unermüdlichen Kampf gegen die Tötung und die Gefangenschaft von Delfinen.

In der Zwischenzeit hat sich der Tierschützer zudem persönlich ein Bild von der aktuellen Situation in Japan gemacht – und ist nicht nur mit erschreckenden Bildern zurückgekehrt. Nach der unmittelbaren Begegnung mit der japanischen Tradition und Kultur sowie unzähligen Gesprächen lautet eine seiner wichtigsten Erkenntnisse:

Wir als Außenstehende können wenig direkt in Taiji bewirken. Nur die Japaner können das. Wir müssen vor unserer eigenen Haustür kehren.

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Super Sonntag – Tödliches Geschäft mit Delfinen

Mittlerweile bringt er ein gewisses Verständnis für die Japaner auf. Durch die ständigen Vorwürfe aus dem Westen und vor allem durch das aggressive Vorgehen von Tierschützern sähen sich die Japaner an den Pranger gestellt und versuchten mit aller Macht, ihre in der eigenen Kultur verwurzelten Traditionen zu verteidigen.

Abdolmadjid: „Selbst Japaner, die der Tötung von Delfinen in Japan durchaus kritisch gegenüberstehen, bezeichnen aggressiv auftretende Tierschützer aus dem Ausland mittlerweile als Öko-Terroristen. Diese Art von Konfrontation ist  kontraproduktiv.“

„Ich bin nach Japan gefahren, um zu lernen und nicht um mit dem erhobenen Finger auf die Japaner zu zeigen,“ stellt Sasha Abdolmajid mit Nachdruck fest und fordert ein Umdenken. Europa müsse eine Vorbildrolle einnehmen, eben vor der eigenen Haustüre kehren. Und hier sei jeder einzelne gefordert.

Die simple und in den Augen des Delfinschützers einzige Lösung: Delfinarien und Meeresparks meiden. Das Problem verlagere sich nämlich: Delfin- und Walfleisch sei auch in Japan immer weniger gefragt und bringe immer weniger Profit.

Für einen trainierten Delfin bezahlen Delfinarien aber bis zu 150.000 Dollar. Folgerichtig betont der Aktivist: Meine Botschaft lautet:

Kaufen Sie keine Eintrittskarte für eine Delfinshow, unterstützen sie diese grausame Industrie nicht.

Und weiter: „Um in Taiji die Delfinjagd zu beenden, müssen wir die Nachfrage an neuen Wildfängen stoppen, indem wir dafür sorgen, dass die Delfinarien weltweit schließen. Denn es ist eben gerade der lukrative Handel mit lebenden Delfinen, der die Delfinjagd am Leben erhält und regelrecht subventioniert. Delfinfleisch ist nur ein Nebenprodukt der an sich nicht rentablen, grausamen Treibjagd. Unser Beitrag in Deutschland wäre die Schließung der übriggebliebenen zwei Delfinarien (Duisburg und Nürnberg) und der Boykott aller Delfinshows weltweit. Dabei spielen Urlaubsländer wie Spanien, Türkei, Ägypten, USA (SeaWorld) sowie die Ukraine eine besonders große Rolle. Wir sollten Ländern wie der Schweiz, die Delfinimport per Gesetz verboten haben, folgen.“

Für Sasha Abdolmajid sind Delfinarien „moderne Sklaverei zu unserem Entertainment“ und ein enormer Stressfaktor für die Tiere. Die absichtlich hungrig gehaltenen Delfine müssen für Nahrung Kunststücke vorführen. Die Gefangenhaltung von Delfinen sei einfach nicht artgerecht und im 21. Jahrhundert ein Auslaufmodell.

Delfine wie auch Wale seien als selbstbewusste Wesen zu einem großen Maß in der Lage, Emotionen zu empfinden und würden noch weit mehr unter der Gefangenschaft leiden als bisher angenommen. Abdolmadjid:

In den Delfinarien sind die hochintelligenten Tiere gewissermaßen zu lebenden Toten degradiert, ruhig gehalten durch Medikamente.

Sicherlich nicht nur für den Tierschützer ein gewichtiges Argument zur Schließung von Delfinarien.

Artgerechte Haltung oder alles nur Show? 

A dolphin named 'Liberty' displays the educational element of captivity. Photo: Nancy Chan

Ein Hohn: Delfin ‚Liberty‘. Foto: Nancy Chan

Laut Gesetz müssen Delfinarien für fünf Tiere nur ein Becken von etwa 40 x 10 Metern haben und vier Meter tief sein. In freier Wildbahn tauchen jedoch Delfine bis zu 300 Meter tief und schwimmen bis zu 100 Kilometer am Tag.

Um wenigstens eine Minute schnell geradeaus schwimmen zu können, bräuchten die Tiere ein 850 Meter langes Becken. Gemessen an natürlichen Bewegungsradius der Delfine, ist ein Delfinarium-Becken viel zu klein.

Sasha Abdolmajid weist in diesem Zusammenhang auf Aussagen des Meeresbiologen Dr. Karsten Brensing (Whale and Dolphin Conservation, WDC) hin. Der Delfinexperte betont:

Artgerechte Haltung von Delfinen ist aus unserer Sicht nicht möglich. Dafür gibt es viele Gründe. Es ist praktisch nicht möglich, ein natürliches, soziales Gefüge zu erhalten. Die Tiere werden aus ihrem Verband herausgerissen und künstlich zusammengeführt. Die Gehege sind zu klein, um eine natürliche Gruppe zu erhalten, so dass junge Menschen separiert werden müssen. Sie werden ihres normalen Lebens beraubt. In der Gefangenschaft ist zudem die Jungtiersterblichkeit ein großes Problem und die Nachzucht nicht nachhaltig.

Für Abdolmajid sind Delfinarien „pure Geldmaschinen und dienen rein dem Entertainment.“ Von „Bildung“ könne keine Rede sein. Er betont weiter: „Den Kindern wird vorgeführt, dass es in Ordnung sei, die intelligenten, selbstbewussten Meeressäuger aus ihrer natürlichen Umgebung und ihren Familien herauszureißen und für unsere Belustigung einzusetzen. Dabei wird verschwiegen, wie sehr diese in Gefangenschaft leiden. Denn das Lächeln der Delfine ist nur eine Täuschung der Natur.“

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